Urbirds singing the Sonata

Sarah Waldschmitt, 2011


Liebe Besucher, stellen Sie sich vor: Es ist Sommer, Ende der 20er Jahre. Der Künstler Kurt Schwitters verbringt wie so oft die Sommermonate auf der Insel Hjertøya am Moldefjord in Norwegen. Hier hat er die Ruhe, sich neben seiner Arbeit am „Merzbau“ seiner geliebten „Ursonate“, einer dadaistisch inspirierten Sprechoper aus Urlauten, zu widmen. Sie soll der Höhepunkt aller Lautgedichte werden. Ausgehend von der Sonatenhauptsatzform, die entsprechend der musikalischen Formenlehre den Aufbau des ersten Satzes einer Sonate definiert, arbeitet Schwitters über zehn Jahre an diesem Werk, bis er 1932 die selbst aufgenommene Tonfassung und die komplette Partitur veröffentlichen kann. Doch vielleicht wichtiger als die schriftliche Notation ist für Schwitters die öffentliche Rezitation, für die er nicht zuletzt berühmt wurde. Hans Arp berichtet über einen gemeinsamen Urlaub folgendes: "In der Krone einer alten Kiefer am Strande von Wyk auf Föhr hörte ich Schwitters jeden Morgen seine Lautsonate üben. Er zischte, sauste, zirpte, flötete, gurrte, buchstabierte. Es gelangen ihm übermenschliche, verführerische, sirenenhafte Klänge (...).“

Machen wir einen Sprung ins Jahr 1997: Der Künster Wolfgang Müller reist auf die Insel Hjertøya um nach den Überresten der Hütte zu suchen, die Schwitters einstmalig pachtete. Er mag seinen Ohren kaum glauben, als er Stare singen hört, und zwar nicht ihr bekanntes Gezwitscher, sondern die „Ursonate“ Kurt Schwitters. Anscheinend zufällig hat Müller ein Aufnahmegerät dabei und kann die besagten Starengesänge auf CD verewigen. Nur am Rande sei erwähnt, dass sich mit der Veröffentlichung ein Urheberrechtsstreit entfachte, wobei Müller vorgeworfen wurde, die Ursonate mit dem Geschrei von Vögeln zu intonieren. Übrigens, auch das nur am Rande, nicht der erste Streit, denn schon der mit Schwitters befreundete Künstler Raoul Hausmann warf damals seinem Kollegen vor, große Teile der Ursonate von seinen Plakatgedichten geklaut zu haben. Ob mit oder ohne Plagiatsstreit: Ein Mythos ist geboren! Und dieser erzählt sich so: Während Schwitters vermeintlich einsam am Strand seine Ursonate übt, lauschen Stare, die im Nachahmen begabten Vögel, und geben das Gehörte über Generationen hinweg von Star zu Star. Seither und bis in ungewisse Ewigkeit zwitschern die Vögel auf der kleinen Insel Hjertøya die Ursonate.

Nicht ganz so romantisch, aber naheliegend ist natürlich, dass nicht die Vögel von Schwitters, sondern Schwitters von den Vögeln inspiriert wurde. Ob Mythos oder Realität – gäbe es nicht die Mythen um die Ursonate, so gäbe es wahrscheinlich auch nicht dieses Kunstwerk von Astrid Seme. Denn ihre Arbeit „Urvögel singen die Sonate“ setzt genau an diesem Punkt an: Sie erzählt, was Schwitters gehört haben könnte, um zu seiner Partitur zu gelangen. Mit Hilfe von Ornithologen – und, wie ich annehme, mit unendlicher Geduld – ordnete sie den verschriftlichten Lauten entsprechende Rufe oder Gesänge verschiedener Vögeln zu. Die „Ursonate“ wird, wenn man so will, den Vögeln „zurückgegeben“.

Der Versuch, Kurt Schwitters Ursonate heute wieder aufzuführen und dabei so präzise wie möglich zu „rekonstruieren“, mag verlocken. Aber könnte man heute den provokanten Geist von Dada noch nachvollziehen? Könnte man Schwitters Vortrag so wiederholen, dass die Zuschauer aus ihrer, wie Arp so schön sagte, „grauen Haut fuhren“? Astrid Seme ist dieser Verlockung nicht unterlegen. Ihre Arbeit baut auf Schwitters Ursonate, interpretiert diese, wird aber zugleich zu etwas einzigartig Neuem – einer eigenen künstlerischen Arbeit. Im weiten Sinne ist Semes Arbeit vielleicht eine Hommage an Schwitters, die dazu beiträgt, den Mythos weiterzutragen, die Ursonate lebendig zu halten.

Die Umsetzung von „Urvögel singen die Sonate“ ist äußerst komplex und genauestens durchdacht: Auf acht Kanälen sind Vogelrufe den einzelnen Lauten der Ursonate zugeordnet. Manchmal sind die Vogelgesänge fast identisch mit der Textvorlage bzw. Schwitters Vertonung, manchmal abweichend. Das ergibt sich aus Semes Grundregel, nämlich die Gesänge natürlich zu belassen, sprich die Intervalle, Tonhöhen und Längen nicht zu verändern. Wer genau und ausdauernd hinhört, kann einer Narration folgen, bei der jeder Vogel seine eigene individuelle Geschichte erzählt. Ein Einzelgänger wie der Dreizehenspecht etwa verlässt so bis zum Ende seinen Lautsprecher nicht, der aktive Gimpel dagegen hüpft von Lautsprecher zu Lautsprecher. Wofür Schwitters Sonate nicht angelegt war, wird hier möglich: zum einen entfaltet sich die Sonate auf den Raum, zum anderen kommt es zu der für Sonaten so typischen Polyphonie.

Astrid Semes Arbeit „Urvögel singen die Sonate“ ist ebenso wenig eine Eins zu Eins Übersetzung der Schwitterschen Ursonate wie eine Kopie der Natur. Vogelgezwitscher und Waldgeräusche ahmen zwar die Natur nach, sind gleichzeitig jedoch ein komplett künstliches Erzeugnis. Wenn man bedenkt, dass die Natur heute bis zur Unkenntlichkeit nachgeahmt wird, ist dieses Spannungsverhältnis doppelt brisant.

Zum Schluss noch eine kleine Parallele: wie Kurt Schwitters bewegt sich auch Astrid Seme in ihrer künstlerischen Arbeit zwischen Sprache, Musik und Typographie. Und wie Schwitters seine „Ursonate“ in der Öffentlichkeit präsentierte und gleichzeitig verlegte, kann auch Semes „Urvögel singen die Sonate“ hier im öffentlichen Raum oder als Edition auf CD rezipiert werden.